Harald Hamprecht - Kraft statt Krise
Kraft statt Krise, ein Interview mit dem Rüsselsheimer Harald Hamprecht über das Buch und der Frage "Wie die deutsche Automobilindustrie wieder Weltspitze wird" Hier die Zusammenfassung des Hamprecht-Interviews (17:17–43:54 in der Sendung):
Zur Person und zum Buch
Harald Hamprecht ist Rüsselsheimer, ehemals 13 Jahre bei Opel und davor 11 Jahre Automobiljournalist. Zusammen mit Dr. Thomas Sedran, seinem früheren Chef und Interims-CEO bei Opel, hat er das Buch "Kraft statt Krise" geschrieben. Der Anstoß kam von Sedran: Die Branche stehe an einem historischen Wendepunkt, und die vorherrschende Krisenerzählung greife zu kurz. Beide wollten dem Schwarzmalen – der "German Angst" – einen Grundoptimismus entgegensetzen und zeigen, wie die Kraft der Industrie freigesetzt werden kann.
Aufbau des Buchs – drei Teile
Teil 1 – Bestandsaufnahme: Eine Tiefenbohrung durch die deutsche Automobilindustrie und ihre Marken. Hamprecht diagnostiziert einen "perfekten Sturm": Energiekrise, Strukturprobleme, technologische Disruption, geopolitische Verwerfungen und Absatzeinbrüche zugleich. Als Kernproblem nennt er das klassische Innovator's Dilemma – wer lange an der Spitze stand, verteidigt zu lange das bestehende Geschäftsmodell. Die Folge: zu viele Hierarchieebenen, Gremien und Abstimmungsschleifen, dazu ein deutscher Hang zum Konsens. Sein Bild dafür: Komplexität und hohe Kosten wirken wie Bleigewichte an den Füßen eines Sprinters – damit gewinnt man keine Wettrennen mehr.
Teil 2 – Was man von den "Magnificent Seven" lernen kann: Hamprecht und Sedran haben Gründer und CEOs von Nvidia, Apple, Google, Microsoft, Meta und Amazon systematisch untersucht – teils mit persönlichen Besuchen vor Ort. Die Leitfrage: Wie gehen diese Unternehmen mit Krisen um, wie fördern sie Innovation? Auch Fehlschläge gehören dazu – ein Kapitel listet die "10 Epic Fuckups" von Elon Musk. Die Botschaft: Aus Fehlern lernen, nicht verdrängen. Ein weiterer Schwerpunkt sind historische Sanierungsfälle aus der eigenen Branche: die Porsche-Sanierung unter Wendelin Wiedeking und die Opel-Sanierung ab 2017 unter Michael Lohscheller, nach 19 Jahren Verlusten in Folge – nach Hamprechts Einschätzung das erfolgreichste Comeback der Branche in diesem Jahrtausend.
Teil 3 – Die Phönix-Agenda: Ein Zehn-Punkte-Programm, das mit einer Selbstkritik beginnt: Die Automobilindustrie soll zuerst vor der eigenen Haustür kehren, statt nur nach Berlin und Brüssel zu zeigen. Gleichzeitig braucht sie verlässliche Rahmenbedingungen von der Politik – Hamprechts Analogie: Ein Sportler kann nur so schnell laufen, wie es das Spielfeld erlaubt. Konkret fordert er stabile Energiepreise, planbare Regulierung, schnelle Genehmigungsverfahren, leistungsfähige Infrastruktur und eine Steuerpolitik, die Investition statt Untätigkeit belohnt. Bemerkenswert: Auch Bildung und Wohnungsbau gehören für ihn zur Blaupause – ohne bezahlbaren Wohnraum für Fachkräfte in Werksnähe funktioniert keine Standortpolitik.
Weitere Punkte im Gespräch
- China als Vergleich: Elektromobilität wurde dort staatlich per Fünfjahresplan vorangetrieben und subventioniert – ein Unterschied zur deutschen, oft parteipolitisch aufgeladenen Verbrenner-Debatte.
- Zulieferstruktur: Anders als bei BYD, wo viel Wertschöpfung im Unternehmen bleibt, ist bei deutschen Herstellern vieles an Zulieferer wie Bosch ausgelagert. Hamprecht sieht das nicht als Hauptursache der Krise, verweist aber auf aktuelle Probleme bei Continental.
- Rüstungsindustrie als Chance: Nach Redaktionsschluss des Buchs öffnete sich die Automobilbranche stärker der Verteidigungsindustrie – Hamprecht sieht hier Synergien durch Prozessstabilität, Ingenieurskompetenz und Qualitätssicherung.
- Feedback: Das Buch wurde breit rezipiert (u. a. Motorpresse Stuttgart, t-online, Focus Online), Hamprecht berichtet von positiver Resonanz aus Beratung und Industrie.
Kernbotschaft
Nicht lamentieren, sondern anpacken: Deutschland hat die Substanz, verliert aber an Tempo durch selbstgemachte Komplexität. Die Lösung liegt laut Hamprecht im Zusammenspiel aus unternehmerischem Mut, dem Lernen von erfolgreichen Vorbildern – auch aus deren Fehlern – und einer Politik, die verlässliche Rahmenbedingungen statt Symbolpolitik liefert.
Das Buch "Kraft statt Krise" ist unter anderem im lokalen Buchhandel hier bei genialokal.de erhältlich.