Technologieoffenheit neu denken: Es geht nicht nur um den Antrieb
Wenn in Deutschland über „Technologieoffenheit“ beim Auto gesprochen wird, geht es meistens um eine Frage: Womit soll das Auto künftig fahren? Mit Benzin oder Diesel? Mit Wasserstoff? Als Hybrid? Oder mit einer Batterie?
Das ist eine wichtige Frage. Aber vielleicht ist sie nicht die wichtigste.
Denn wir betrachten das Auto noch immer stark aus der Perspektive, die Deutschland über Jahrzehnte geprägt hat: Das Auto ist eine Maschine. Motor, Getriebe, Fahrwerk und Karosserie bringen die Leistung auf die Straße. Die Ausstattung wird beim Kauf festgelegt. Wenn etwas repariert oder verändert werden muss, fährt das Auto in die Werkstatt.
Beim Elektroauto verändert sich nicht nur der Antrieb. Es verändert sich zunehmend auch das Auto selbst.
Ein modernes Fahrzeug wird immer stärker zu einem softwaredefinierten System. Software steuert Funktionen, Fahrzeuge erhalten Updates über das Internet und neue Funktionen können teilweise nach dem Kauf freigeschaltet werden. Das Auto kann dadurch während seiner Lebensdauer weiterentwickelt werden.
Damit verändert sich auch das Geschäftsmodell.
Beim klassischen Auto ist der Verkauf weitgehend der Abschluss eines Geschäfts. Beim softwaredefinierten Fahrzeug kann der Verkauf der Beginn einer dauerhaften Kundenbeziehung sein. Danach können digitale Dienste, Ladeangebote, Navigationsfunktionen, Assistenzsysteme oder andere Zusatzfunktionen hinzukommen.
Das erinnert stärker an ein Smartphone als an einen klassischen Maschinenbau.
Wir kaufen ein Gerät und können danach weitere Funktionen und Dienste nutzen. Das Fahrzeug wird damit nicht nur zum Verkehrsmittel, sondern zu einem digitalen Knotenpunkt.
Es kann mit dem Smartphone kommunizieren, mit der Wallbox, dem Haus, der Photovoltaikanlage oder anderen Mobilitätsdiensten. Das Auto wird Teil eines digitalen Ökosystems.
Und damit stellt sich eine neue Frage nach der Technologieoffenheit.
Bisher fragen wir:
- Welche Antriebstechnologie setzt sich durch?
- Vielleicht müssen wir zusätzlich fragen:
- Welche digitale Technologie bestimmt das Auto?
Wer kontrolliert nach dem Fahrzeugkauf die digitale Infrastruktur, die Daten, die Softwareplattform und die Kundenbeziehung?
Diese Frage ist wirtschaftlich und strategisch erheblich.
Denn wer die Softwareplattform kontrolliert, kann auch bestimmen, welche Funktionen ein Fahrzeug künftig erhält. Wer die Daten aus Millionen gefahrenen Kilometern auswertet, kann daraus Erfahrungen für neue Produkte, Assistenzsysteme und künstliche Intelligenz gewinnen. Wer die Ladeinfrastruktur und die Abrechnung kontrolliert, bleibt auch nach dem Autokauf mit dem Kunden verbunden.
Damit entsteht eine neue Form der Wertschöpfung:
- Auto → Software → Daten → Dienste → Kundenbeziehung
Das verändert auch den Begriff der technologischen Souveränität.
Deutschland kann hervorragende Autos bauen und trotzdem digitale Abhängigkeiten entwickeln, wenn zentrale Software, Cloudsysteme, Datenplattformen oder digitale Dienste von Unternehmen außerhalb Europas kontrolliert werden.
Deshalb reicht es nicht, Technologieoffenheit nur auf Benzin, Diesel, Wasserstoff und Elektroantrieb zu beziehen.
Wir brauchen Technologieoffenheit auf zwei Ebenen:
Offenheit beim Antrieb – und Offenheit bei der digitalen Fahrzeugarchitektur.
Die entscheidende Frage für die Autonation Deutschland lautet deshalb nicht nur:
Womit fährt das Auto der Zukunft?
Sondern auch:
Wer bestimmt, was dieses Auto nach dem Kauf kann?
Gerade für Rüsselsheim ist das eine interessante Frage. Denn hier wurde über 125 Jahre Automobilgeschichte geschrieben. Die nächste Phase der Automobilgeschichte wird aber nicht allein darüber entschieden, welcher Motor unter der Haube steckt.
Sie wird auch darüber entschieden, wer die digitale Architektur des Autos beherrscht.
Vielleicht müssen wir deshalb den Begriff „Technologieoffenheit“ neu denken.